Sind Essstörungen bei Jungen und Männern anders als bei Mädchen und Frauen?

Einleitung
„Ein Mann bekommt keine Essstörung“ – solche Ansichten sind nicht nur falsch, sondern auch folgenschwer: Sie können die Ursache dafür sein, dass betroffene Jungen und Männer zu spät behandelt werden.
Bei Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie denken viele vor allem an Mädchen und (junge) Frauen. Essstörungen bei Jungen und Männern werden deshalb oft gar nicht oder erst spät erkannt und behandelt. Dabei kann eine Essstörung ernste Folgen für die körperliche und psychische Gesundheit haben – unabhängig vom Geschlecht der betroffenen Person.
Sind Essstörungen bei Jungen und Männern selten?
Den verfügbaren Daten zufolge gibt es deutlich mehr Mädchen und Frauen mit einer Essstörung als Jungen und Männer – vor allem, wenn es um Magersucht und Bulimie geht.
Dabei ist jedoch zu bedenken: Das Bild der Erkrankung als „Mädchen- und Frauenkrankheit“ kann ein Grund dafür sein, dass eine Essstörung bei Jungen und Männer oft nicht erkannt wird und sie deshalb in manchen Statistiken erst gar nicht auftauchen. Manche schämen sich dafür, eine Krankheit zu haben, die in der öffentlichen Wahrnehmung mit Weiblichkeit verknüpft ist. Sie tun sich deshalb schwer, darüber zu sprechen und Hilfe zu suchen. Sich in psychotherapeutische Behandlung zu begeben, ist für Jungen und Männer ohnehin oft eine größere Hürde als für Mädchen und Frauen. Symptome einer Essstörung werden bei Jungen und Männern zudem eher übersehen oder nicht als Anzeichen einer Essstörung gewertet. Vielleicht liegt also die Zahl der männlichen Betroffenen höher als bisher angenommen.
Verlaufen Essstörungen je nach Geschlecht unterschiedlich?
Essstörungen verlaufen von Mensch zu Mensch unterschiedlich: Nicht jede Frau mit einer Bulimie erlebt dasselbe. Nicht jeder Mann mit einer Magersucht verhält sich gleich. Nicht jede non-binäre Person mit einer Binge-Eating-Störung hat die gleichen Symptome. Fachleute gehen aber davon aus, dass einige der Unterschiede im Erleben und Verlauf der Krankheit mit dem Geschlecht zu tun haben:
- Jungen erkranken wahrscheinlich im Schnitt etwas später als Mädchen – unabhängig von einer möglicherweise verzögerten Diagnose. Vermutlich liegt das daran, dass die Pubertät bei ihnen meist ein wenig später einsetzt.
- Viele, aber nicht alle erkrankten Jungen und Männer treiben übermäßig Sport, vor allem Muskeltraining. Dieses Verhalten bleibt auch während der Therapie oft noch lange bestehen. Und bei einem Rückfall ist das sehr intensive Trainieren das Symptom, das oft zuerst wieder auftritt. Dahinter stecken oft männliche Körperideale, die besonders durch die sozialen Medien vermittelt werden. Sie bewirken, dass zum Beispiel ein junger Mann mit Magersucht nicht nur abnehmen will, sondern gleichzeitig versucht, seinen Körper in eine Form mit möglichst wenig Körperfettanteil zu bringen, bei der sich eine trainierte Muskulatur – etwa ein Sixpack – deutlich abzeichnet. Das kann zwar auch bei betroffenen Mädchen oder Frauen so sein, oft ist ihnen aber eher eine sehr schlanke Figur wichtig.
- Jungen und Männer haben es schwerer, bei einer Essstörung den Weg in die Behandlung zu finden. Eine frühzeitige Diagnose und Therapie gilt aber als wichtig, um einen schweren Verlauf der Erkrankung zu verhindern.
Brauchen erkrankte Jungen und Männer etwas anderes als Mädchen und Frauen?
Informationen für Betroffene sowie Beratungs- und Hilfsangebote sind oft vor allem auf Mädchen und junge Frauen zugeschnitten, selten auf andere Gruppen. In Kliniken, Therapiegruppen oder Informationsangeboten hören oder lesen Jungen und Männer außerdem fast nur von den Erfahrungen weiblicher Erkrankter. Das kann es ihnen schwerer machen, sich mit den Erlebnissen anderer zu identifizieren. Deshalb sind Informations- und Unterstützungsangebote wichtig, die nicht nur Mädchen und Frauen ansprechen.
Die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten – sei es im Rahmen eines Klinikaufenthalts oder ambulant – sind aber grundsätzlich unabhängig vom Geschlecht. Auch die folgenden Aspekte können Menschen jeglichen Geschlechts helfen:
- Eine vertrauensvolle Beziehung zum Behandlungs- und Betreuungsteam, welches individuell auf die eigenen Bedürfnisse eingeht und die oder den Betroffenen in die Gestaltung der Therapie einbezieht.
- Verständnis und Unterstützung durch eine – abgesehen von den Belastungen durch die Erkrankung – möglichst stabile Familie, Partnerschaft oder den Freundeskreis. Manchmal kann es aber sinnvoll sein, sich vom gewohnten Umfeld zurückziehen zu können, zumindest für eine gewisse Zeit.
- Austausch mit anderen Betroffenen über deren Erfahrungen.
Noch sind Jungen und Männer in Studien zu Essstörungen oft unterrepräsentiert. Auch zu Essstörungen bei Menschen, die sich weder als männlich noch als weiblich einordnen, braucht es mehr Forschung. Übrigens gilt das nicht nur für Erkrankte: Auch Studien zu Eltern beschäftigen sich sehr oft mit den Müttern erkrankter Kinder – Väter oder männliche Bezugspersonen werden bislang häufig außer Acht gelassen. Deshalb gilt es, genauer zu erforschen, wie männliche Betroffene und ihr Umfeld die Erkrankung erleben, mit Behandlungsmöglichkeiten umgehen und welche Bedürfnisse sie haben.
Quellen
IQWiG-Gesundheitsinformationen sollen helfen, Vor- und Nachteile wichtiger Behandlungsmöglichkeiten und Angebote der Gesundheitsversorgung zu verstehen.
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