Wie gut helfen Medikamente bei schwerer Tabakabhängigkeit?

Einleitung
Eine Nikotinersatztherapie mit Pflastern, Kaugummis oder anderen Produkten erhöht die Chancen auf einen erfolgreichen Rauchstopp – auch bei schwerer Tabakabhängigkeit. Dies gilt auch für das Entwöhnungsmittel Vareniclin. Alle Mittel können Nebenwirkungen haben. Schwerwiegende Nebenwirkungen sind aber nicht zu befürchten.
Mit dem Rauchen aufzuhören, ist schwer. Denn das Nikotin im Tabak macht stark abhängig. Ein Rauchstopp gelingt eher mit Unterstützung – etwa in Form von Entwöhnungskursen. Zusätzlich kommen eine Nikotinersatztherapie und bestimmte andere Medikamente infrage: Sie lindern Entzugserscheinungen oder mindern das Vergnügen am Rauchen.
Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat geprüft, wie gut Medikamente bei der Entwöhnung helfen – und welche Nebenwirkungen sie haben. Außerdem hat die Wissenschaftlergruppe des IQWiG untersucht, ob die Schwere der Tabakabhängigkeit beeinflusst, wie wirksam die Mittel sind.
Das IQWiG prüfte folgende Medikamente:
- Bupropion (ein Antidepressivum, dass auch zur Raucherentwöhnung zugelassen ist)
- Cytisin (eine Substanz, die die Lust am Rauchen mindert. Sie wird aus dem Samen des Goldregens gewonnen – einer Pflanze, die Stoffe enthält, die ähnlich wirken wie Nikotin
- Nikotinersatztherapien (nikotinhaltige Kaugummis, Pflaster, Lutschtabletten, Inhalatoren oder Sprays)
- Vareniclin (ein Medikament, dass dem Cytisin ähnelt und ebenfalls die Lust am Rauchen mindert)
Wie ist das IQWiG vorgegangen?
Um die Vor- und Nachteile von Mitteln zur Tabakentwöhnung zu bewerten, hat das IQWiG alle aussagekräftigen Studien hierzu ausgewertet. Insgesamt hat das Institut Daten von 66 Studien mit über 40.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern analysiert.
Das Institut hat dabei nicht nur Studien berücksichtigt, deren Ergebnisse in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht sind. Es hat sich auch Ergebnisse von Studien besorgt, die nicht veröffentlicht waren. Das ist wichtig, denn oft bleiben gerade die Studien unveröffentlicht, in denen Behandlungen nicht die erhoffte Wirkung haben. Das verzerrt die Bewertung (Publikationsbias).
Forschungsergebnisse zur Nikotinersatztherapie
Zur Nikotinersatztherapie hat das IQWiG 43 Studien mit gut 25.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern untersucht. In diesen Studien erhielten die meisten Teilnehmenden entweder ein Scheinmedikament (Placebo) oder eine Nikotintherapie.
Die Auswertung belegt, dass eine Nikotinersatztherapie die Chancen auf einen dauerhaften Rauchstopp erhöht. Dabei machte es keinen Unterschied, wie stark tabakabhängig die Teilnehmenden waren. Nach 6 Monaten ergab sich folgendes Ergebnis:
- Ohne Nikotinersatztherapie schafften es 10 von 100 Personen, mit dem Rauchen aufzuhören.
- Mit Nikotinersatztherapie schafften es 17 von 100 Personen, mit dem Rauchen aufzuhören.
Während der Anwendung kann eine Nikotinersatztherapie zu verschiedenen Nebenwirkungen führen. Welche Nebenwirkungen möglich sind, hängt teils von der Anwendungsform ab. Während Nikotinpflaster zu Juckreiz an der Haut führen können, treten Reizungen der Mund- und Rachenschleimhaut nur bei Präparaten auf, die über den Mund angewendet werden – zum Beispiel Inhalatoren oder Kaugummis.
Wegen der Nebenwirkungen der Nikotinersatztherapie brach weniger als 1 von 100 Personen die Behandlung ab. Schwerwiegende Nebenwirkungen traten durch die Nikotinersatztherapie nicht auf. Die folgende Tabelle zeigt, wie häufig verschiedene Nebenwirkungen auftraten.
| Häufigkeit ohne Nikotin | Häufigkeit mit Nikotin | |
|---|---|---|
| Übelkeit | 5 von 100 Personen | 9 von 100 Personen |
| Reizungen im Mund oder Rachen (orale Anwendung) | 2 von 100 Personen | 5 von 100 Personen |
| Juckreiz (Pflaster) | 1 von 100 Personen | 3 von 100 Personen |
| Kopfschmerzen | 8 von 100 Personen | 9 von 100 Personen |
Forschungsergebnisse für Vareniclin
Das IQWiG hat 20 Studien zu Vareniclin ausgewertet. Insgesamt nahmen über 11.000 Raucherinnen und Raucher daran teil. Die Hälfte der Teilnehmenden nahm ein Placebo, die andere Hälfte Vareniclin.
Die Studien zeigen, dass Vareniclin die Chancen auf einen erfolgreichen Rauchstopp erhöht. Dabei machte es keinen Unterschied, wie stark tabakabhängig die Teilnehmenden waren. Nach 6 Monaten ergab sich folgendes Bild:
- Ohne Vareniclin schafften es 10 von 100 Personen, mit dem Rauchen aufzuhören.
- Mit Vareniclin schafften es 24 von 100 Personen, mit dem Rauchen aufzuhören.
Die Studien zeigen auch, dass Vareniclin zu Nebenwirkungen wie Übelkeit, seltsamen Träumen oder Schlaflosigkeit führen kann. Wegen der Nebenwirkungen von Vareniclin brach 1 von 100 Personen die Behandlung ab. Schwerwiegende Nebenwirkungen traten durch das Medikament nicht auf. Die folgende Tabelle zeigt, wie häufig verschiedene Nebenwirkungen auftraten.
| Häufigkeit ohne Vareniclin | Häufigkeit mit Vareniclin | |
|---|---|---|
| Übelkeit | 9 von 100 Personen | 29 von 100 Personen |
| Schlafstörungen / seltsame Träume | 27 von 100 Personen | 36 von 100 Personen |
| Kopfschmerzen | 11 von 100 Personen | 13 von 100 Personen |
| Erschöpfung | 4 von 100 Personen | 6 von 100 Personen |
| trockener Mund | 3 von 100 Personen | 4 von 100 Personen |
Bupropion: Wegen unveröffentlichter Studienergebnisse keine Bewertung möglich
Zu Bupropion hat das IQWiG 51 Studien gefunden. Allerdings wurden zu 14 dieser Studien keine Ergebnisse veröffentlicht. Auch auf Anfrage des IQWiG hat der Hersteller die Studienergebnisse nicht zur Verfügung gestellt. Man weiß daher nicht, ob die Studien wichtige Informationen enthalten, die die Bewertung beeinflussen könnten.
Wegen der fehlenden Studienergebnisse lässt sich die Wirksamkeit von Bupropion in der Raucherentwöhnung nicht zuverlässig bewerten.
Cytisin: Wenige Studien
Zu Cytisin fand das IQWiG 3 Studien – sehr viel weniger als zu Nikotinersatztherapien und Vareniclin. In der mit Abstand größten Studie verbesserte Cytisin die Chancen auf einen erfolgreichen Rauchstopp nur geringfügig. In einer weiteren Studie war es ähnlich wirksam wie eine Nikotinersatztherapie. Die dritte Studie war klein und hatte methodische Mängel. Für eine aussagekräftige Bewertung sind noch weitere Studien nötig.
Hinweise auf schwere Nebenwirkungen gab es in den Studien zu Cytisin nicht. Die möglichen Nebenwirkungen ließen sich wegen der geringen Studienzahl aber ebenfalls nicht zuverlässig bewerten.
Unklar bleibt zudem, ob Cytisin bei starken Raucherinnen und Rauchern möglicherweise anders wirkt als bei Menschen, die wenig rauchen. Hierzu lagen aus den Studien nicht genug Daten vor.
Quellen
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Nutzenbewertung von Bupropion, Cytisin, Nicotin und Vareniclin zur Tabakentwöhnung bei schwerer Tabakabhängigkeit: Abschlussbericht; Auftrag A22-34. 2023.