Wie werden Blutschwämmchen bei Kindern (infantile Hämangiome) behandelt?

Einleitung
Infantile Hämangiome müssen nur behandelt werden, wenn sie besonders groß oder an ungünstigen Stellen sind. Denn das kann zu Komplikationen führen. Dann wird meist eine Behandlung mit Medikamenten − sogenannten Betablockern − empfohlen. Sie hemmen das Wachstum der Blutschwämmchen.
Infantile Hämangiome zeigen sich meist als rötliche bis violett-bläuliche Flecken oder Knötchen auf oder unter der Haut – bei heller Haut sind sie eher rötlich, bei dunkler Haut eher violett. Umgangssprachlich werden sie auch „Blutschwämmchen“ oder „Erdbeerflecken“ genannt und entstehen häufig in den ersten Lebenstagen oder -wochen. Die meisten infantilen Hämangiome müssen nicht behandelt werden, weil sie keine Beschwerden verursachen und sich spätestens bis zum zehnten Lebensjahr von selbst zurückbilden.
Manchmal verursachen Hämangiome jedoch Komplikationen oder beeinträchtigen das Aussehen stark. Dann wird eine Behandlung empfohlen.
Wann wird ein Hämangiom behandelt?
Bei etwa 10 bis 15 von 100 betroffenen Kindern ist eine Behandlung sinnvoll – meist, weil
- sich das Hämangiom an problematischen Stellen wie Auge, Nase, Lippe oder Ohr befindet – dann kann es beispielsweise das Sehen, Atmen, Essen oder Hören behindern,
- das Hämangiom groß und flächig wächst (segmentales Hämangiom) oder sehr auffällig ist oder
- es zu Folgen wie Geschwüren oder einer Schilddrüsenunterfunktion kommt.
Durch eine rechtzeitige Behandlung lassen sich Folgeerkrankungen und weitere Komplikationen verhindern. Die Behandlung sollte am besten im 2. bis 5. Lebensmonat beginnen, weil dann das Wachstum des Hämangioms unterbrochen werden kann.
Wie wird ein Hämangiom behandelt?
Meist verschreibt die Ärztin oder der Arzt ein Medikament mit dem Wirkstoff Propranolol. Das ist ein sogenannter Betablocker. Mittel aus dieser Arzneigruppe werden üblicherweise zur Senkung des Blutdrucks eingesetzt. Es hat sich aber gezeigt, dass sie auch die Entstehung und das Wachstum der Zellen von Hämangiomen hemmen können. Dadurch bildet es sich nach einigen Monaten zurück.
Kinder erhalten das Mittel zweimal täglich als Saft. Die Behandlung dauert mindestens sechs Monate – oft aber bis zum Ende des ersten Lebensjahres, manchmal auch länger. Alle vier Wochen passt die Ärztin oder der Arzt die Dosis an das aktuelle Körpergewicht des Kindes an.
Die Behandlung findet normalerweise ambulant statt. Sie kann auch in einem Krankenhaus begonnen werden, um mögliche Nebenwirkungen besser im Blick zu haben. Das wird vor allem für Kinder empfohlen, die Fehlbildungen oder bestimmte Herz- oder Lungenerkrankungen haben, sowie für Kinder, die jünger als acht Wochen sind – bei Frühgeborenen gilt dabei die Zeit seit dem errechneten (nicht dem tatsächlichen) Geburtstermin.
Wie gut wirkt die Behandlung mit Propranolol?
Propranolol wirkt sehr gut: Ein großer Teil der Hämangiome bildet sich damit zurück. Eine Studie, die das Medikament mit einem Placebo (Scheinmedikament) verglich, zeigte nach sechs Monaten:
- Bei etwa 4 von 100 Kindern, die ein Placebo einnahmen, waren die Hämangiome fast oder ganz verschwunden.
- Bei etwa 60 von 100 Kindern, die Propranolol einnahmen, waren die Hämangiome fast oder ganz verschwunden.
Zudem scheint das Medikament bei fast allen Kindern dazu zu führen, dass das Hämangiom nicht weiterwächst oder sich zumindest teilweise zurückbildet.
Bei etwa 10 bis 25 von 100 Kindern wachsen die Hämangiome nach einer erfolgreichen Behandlung erneut. Häufig sind sie dann aber unauffälliger und müssen nicht erneut behandelt werden. Bei oberflächlichen Hämangiomen ist ein Rückfall seltener. Auch eine längere Behandlung – zum Beispiel über 1 Jahr statt 6 Monate – senkt das Rückfallrisiko. Deshalb wird Eltern meist empfohlen, das Medikament bis zum Ende des ersten Lebensjahres zu geben.
Hat die Behandlung Nebenwirkungen?
Die meisten Kinder vertragen Propranolol gut. Eine mögliche, aber seltene Nebenwirkung ist ein niedriger Blutdruck. Daher wird nach der ersten Einnahme von Propranolol der Blutdruck des Kindes in der Kinderarztpraxis oder Klinik zwei Stunden lang überwacht.
Eine weitere seltene Nebenwirkung ist ein niedriger Blutzucker. Fachkräfte erklären den Eltern, wie sie mögliche Anzeichen von niedrigem Blutzucker erkennen und richtig reagieren. Solche Anzeichen sind unter anderem blasse Haut, ungewöhnliche Müdigkeit und kalter Schweiß. Um das Risiko für diese Nebenwirkung zu senken, wird empfohlen, das Medikament während oder kurz nach einer Mahlzeit einzunehmen. Wenn das Kind nicht richtig isst, erbricht oder Durchfall hat, sollte die Dosis ausgelassen werden.
Selten löst Propranolol auch Schlafstörungen oder Erkrankungen der Atemwege aus. Sehr selten verkrampft sich nach der Einnahme von Propranolol die Muskulatur um die Atemwege (Bronchospasmus). Das Kind hat dann Schwierigkeiten beim Atmen – dies ist ein Notfall, bei dem schnelle ärztliche Hilfe wichtig ist.
Darüber hinaus wird unter Fachleuten diskutiert, ob Propranolol Auswirkungen auf die psychische oder geistige Entwicklung des Kindes haben könnte. Bisherige Studien geben darauf aber keine Hinweise.
Welche Kinder dürfen das Medikament nicht einnehmen?
Für diese Kinder kommt Propranolol meist nicht infrage:
- Frühgeborene unter einem Alter von fünf Wochen – dabei gilt die Zeit seit dem errechneten (nicht dem tatsächlichen) Geburtstermin
- Kinder, die gestillt werden und deren Mutter ein Medikament einnimmt, das nicht mit Propranolol zusammen verwendet werden darf
- Kinder mit bestimmten Erkrankungen, darunter Asthma, Bronchospasmus, niedrige Blutzuckerwerte und bestimmte Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Falls die Ärztin oder der Arzt bei dem Kind eine Herz-Kreislauf-Erkrankung vermutet (zum Beispiel, weil direkte Verwandte solche Erkrankungen haben), wird zunächst ein EKG oder ein Ultraschall des Herzens gemacht.
Propranolol ist für einen Behandlungsbeginn im Alter von 5 Wochen bis 5 Monaten zugelassen. Wenn jüngere oder ältere Kinder eine Behandlung beginnen sollen, muss die Ärztin oder der Arzt die Eltern ausführlich über mögliche Folgen und Risiken aufklären (Off-Label-Use).
Kommen auch andere Betablocker infrage?
Andere Betablocker als Propranolol sind bisher nicht für die Behandlung von Hämangiomen zugelassen. Studien deuten jedoch darauf hin, dass der Betablocker Atenolol ähnlich wirksam gegen Hämangiome ist wie Propranolol. Er scheint ebenfalls recht gut vertragen zu werden, aber dies muss noch besser in Studien untersucht werden. Nach einer ausführlichen ärztlichen Aufklärung können Eltern entscheiden, ihr Kind im Off-Label-Use damit behandeln zu lassen. Das kommt aber nur sehr selten vor – zum Beispiel, wenn das Kind aufgrund einer Erkrankung Propranolol nicht einnehmen darf.
Oberflächliche Hämangiome können außerdem mit Salben, Cremes oder Gelen behandelt werden, die Betablocker enthalten. Auch diese Behandlung ist bislang nicht zugelassen und es gibt wenig aussagekräftige Forschung dazu, wie gut sie wirkt. Zudem sind Nebenwirkungen wie eine Blutdrucksenkung oder ein verlangsamter Herzschlag möglich. Denn auch bei einer Anwendung auf der Haut kann der Wirkstoff in den Blutkreislauf gelangen, zum Beispiel wenn er auf Schleimhäute etwa an Mund oder Nase gerät.
Kann das Hämangiom mit einem Laser behandelt werden?
Manchmal wird auch eine Laserbehandlung angeboten. Dabei werden bei oberflächlichen Hämangiomen die betroffenen Blutgefäße zum Beispiel mit einem Farbstofflaser oder einer Blitzlampe verödet. Vorher wird die Hautstelle lokal betäubt. Bei tiefer liegenden Hämangiomen wird meist ein spezieller Laser eingesetzt, der sogenannte Nd:YAG-Laser. Hierfür ist eine Vollnarkose nötig. Die Behandlung wird meist mehrmals wiederholt.
Wie wirksam eine Laserbehandlung bei Hämangiomen ist, lässt sich derzeit nicht sicher beantworten. Sie kann außerdem Nebenwirkungen haben – zum Beispiel kann die Haut an der behandelten Stelle dünner werden oder sich aufhellen. Vermutlich passiert dies bei dunkler Haut häufiger. Aus diesen Gründen empfehlen Fachleute eine Laserbehandlung nur, wenn ein Kind nicht mit einem Betablocker behandelt werden kann oder die Behandlung nicht ausreichend hilft.
Gibt es weitere Behandlungsmöglichkeiten?
Andere Behandlungen werden nur selten eingesetzt. Zudem fehlen aussagekräftige Studien, um ihre Vor- und Nachteile zu beurteilen:
- Kältetherapie (Kryotherapie): Damit werden kleine, oberflächliche Hämangiome „vereist“. Das kann helle Flecken auf der Haut hinterlassen, seltener auch Narben durch die extrem niedrigen Temperaturen. Vor allem an gut sichtbaren Körperstellen eignet sich die Kältetherapie daher eher nicht.
- Embolisation: Dabei wird ein Katheter in die betroffenen Blutgefäße geführt und zum Beispiel ein Gewebekleber eingespritzt, der die Gefäße verschließt. Kleinkinder bekommen dafür eine Vollnarkose.
Nur selten werden Hämangiome ganz oder teilweise operativ entfernt, weil sie lebensbedrohlich sind oder nicht anders behandelt werden können – etwa, wenn ein Hämangiom an Nase oder Rachen das Atmen behindert.
Früher wurden oft kortisonhaltige Medikamente (sogenannte Glukokortikoide) gegen Hämangiome eingesetzt. Fachleute empfehlen sie jedoch nicht mehr, weil Propranolol weniger Nebenwirkungen hat. Kortison wird nur noch in seltenen lebensbedrohlichen Situationen ergänzend zu Propranolol verwendet.
Wie lassen sich bleibende Auffälligkeiten behandeln?
Nachdem sich das Hämangiom zurückgebildet hat, bleiben manchmal dunklere Verfärbungen, durchscheinende Blutgefäße oder andere Auffälligkeiten sichtbar. Diese können unter örtlicher Betäubung mit einem Laser nachbehandelt werden. Liegen sie tiefer in der Haut, kommt der sogenannte Nd:YAG-Laser unter Vollnarkose infrage.
Narben oder überschüssige Haut kann eine Hautärztin oder ein Hautarzt behandeln. Sehr selten ist ein operativer Eingriff nötig, weil sich ein Körperteil, etwa die Nase, durch das Hämangiom nicht normal entwickeln konnte. Dies kann zum Beispiel mithilfe der plastischen Chirurgie korrigiert werden – je nach betroffenem Körperteil kommen weitere Fachärztinnen und Fachärzte infrage. Solche Eingriffe sollten aber nicht vor dem vollendeten vierten Lebensjahr stattfinden.
Kann ich selbst etwas tun?
Es wird davon abgeraten, ein Hämangiom selbst zu behandeln, zum Beispiel mit Hausmitteln wie Apfelessig oder Rhizinusöl. Für die Wirksamkeit solcher Mittel gibt es keine Nachweise. Außerdem können sie der Haut schaden.
Keinesfalls sollte ein Hämangiom aufgekratzt oder aufgestochen werden, weil es stark bluten und sich entzünden kann. Das Hämangiom lässt sich mit solchen Methoden zudem nicht beseitigen.
Quellen
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Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH). Infantile Hämangiome im Säuglings- und Kleinkindesalter (S2k-Leitlinie). AWMF-Registernr.: 006-100. 2020.
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