Schützt Oseltamivir (Tamiflu) bei Grippe vor Komplikationen?

Einleitung
Bei bestimmten Personengruppen kann eine Grippe zu ernsthaften Komplikationen wie einer Lungenentzündung führen. Medikamente wie Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) sollen vor allem solche schweren Verläufe verhindern. Studien zeigen bislang aber nur, dass allgemeine Grippebeschwerden durch eine Behandlung mit Oseltamivir etwas früher abklingen können.
Die Grippe (Influenza) ist eine Virusinfektion der oberen Atemwege. Sie kann eine Vielzahl von Beschwerden hervorrufen, darunter Fieber, Schüttelfrost, Muskelschmerzen, starke Müdigkeit und Abgeschlagenheit, Kopf- und Halsschmerzen, Husten, Appetitlosigkeit und eine verstopfte Nase.
Fast alle, die an Grippe erkranken, erholen sich innerhalb einer Woche wieder. Der Husten und das Krankheitsgefühl können aber noch 1 bis 2 Wochen länger anhalten.
Kinder, Schwangere, ältere und chronisch kranke Menschen haben ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf der Grippe: Bei ihnen sind Komplikationen wie zum Beispiel eine Lungenentzündung (Pneumonie) häufiger, und sie können auch tödlich verlaufen. Für ansonsten gesunde Menschen ist das Risiko, an einer Grippe zu sterben, dagegen sehr gering.
Wirkung und Anwendung von Oseltamivir (Tamiflu)
Wie bei den meisten Erkältungskrankheiten helfen Antibiotika auch bei einer Grippe nicht, weil sie nicht gegen Viren wirken, sondern nur gegen Bakterien. Es gibt jedoch Arzneimittel, die die Vermehrung von Viren im Körper bekämpfen. Sie werden Virostatika oder antivirale Medikamente genannt. Oseltamivir ist ein solches Mittel. Es wird unter dem Handelsnamen Tamiflu vertrieben und ist verschreibungspflichtig.
Oseltamivir gehört zu den sogenannten Neuraminidase-Hemmern: Es soll ein Protein (Neuraminidase) hemmen, das Grippeviren brauchen, um sich im Körper zu vermehren. Man hofft, damit schwere Krankheitsverläufe mit Komplikationen verhindern zu können.
Oseltamivir-Tabletten müssen innerhalb von 48 Stunden nach Erkrankungsbeginn eingenommen werden. Danach hat der Wirkstoff auf den Verlauf der Grippe keinen Einfluss mehr.
Studienergebnisse zur Behandlung
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des internationalen Forschungsnetzwerks Cochrane Collaboration haben die Ergebnisse von insgesamt 20 Studien ausgewertet, an denen knapp 10.000 Kinder und Erwachsene teilgenommen hatten.
Sie fanden keine Belege dafür, dass Oseltamivir bei einer Grippewelle ernsthafte Verläufe und schwere Komplikationen verhindern kann. Nachgewiesen ist lediglich, dass Tamiflu die Dauer der Grippebeschwerden etwas verkürzen kann:
- Ohne Tamiflu hielten die Beschwerden bei ansonsten gesunden Kindern und Erwachsenen im Durchschnitt über 7 Tage an.
- Mit Tamiflu verkürzte sich die Beschwerdedauer bei Erwachsenen um einige Stunden (von 7 auf 6,3 Tage), bei Kindern um gut 1 Tag.
Bei Kindern mit Asthma hatte das Medikament allerdings keinen Einfluss auf die Beschwerdedauer. Ob Grippekranke, die Oseltamivir nehmen, weniger ansteckend sind, ist unklar.
Eine aktuelle Auswertung älterer und neuerer Studien zu Oseltamivir liefert zudem Hinweise, dass es bei einer Behandlung mit Oseltamivir seltener zu Komplikationen wie einer Mittelohrentzündung kommt.
Die häufigsten Nebenwirkungen von Oseltamivir sind Erbrechen und Übelkeit. In den Studien waren jeweils 4 von 100 Personen davon betroffen.
Studienergebnisse zur Vorbeugung
Einige Studien haben untersucht, ob man sich mit Oseltamivir vor einer Grippe schützen kann. Diese Frage ist für Angehörige und andere Menschen wichtig, die vorübergehend intensiven Kontakt zu Grippekranken haben. Die Studienergebnisse zeigen eine geringe Schutzwirkung: Ungefähr 3 von 100 Teilnehmenden, die Oseltamivir vorbeugend eingenommen hatten, wurden zwar vor Grippebeschwerden, nicht aber vor einer Ansteckung bewahrt.
Allerdings traten auch in diesen Studien oft Nebenwirkungen auf: Etwa 2 von 100 Personen hatten nach der Einnahme von Oseltamivir Kopfschmerzen, 3 von 100 Personen wurde übel. Zudem liefern die Studien Hinweise darauf, dass Oseltamivir – wenn auch selten – Nierenprobleme und psychiatrische Probleme wie Halluzinationen, Depressionen oder Verwirrung auslösen könnte. Die US-amerikanische Arzneimittelzulassungsbehörde FDA empfiehlt daher, auf ungewöhnliche Verhaltensänderungen zu achten und gegebenenfalls eine Ärztin oder einen Arzt aufzusuchen.
Quellen
Ebell MH, Call M, Shinholser J. Effectiveness of oseltamivir in adults: a meta-analysis of published and unpublished clinical trials. Fam Pract 2013; 30(2): 125-133.
Jefferson T, Del Mar CB, Dooley L et al. Physical interventions to interrupt or reduce the spread of respiratory viruses. Cochrane Database Syst Rev 2020; (11): CD006207.
Jefferson T, Jones MA, Doshi P et al. Neuraminidase inhibitors for preventing and treating influenza in adults and children. Cochrane Database Syst Rev 2014; (4): CD008965.
Tejada S, Jansson M, Solé-Lleonart C et al. Neuraminidase inhibitors are effective and safe in reducing influenza complications: meta-analysis of randomized controlled trials. Eur J Intern Med 2021; 86: 54-65.