Wie lässt sich einem erneuten Schlaganfall vorbeugen?

Einleitung
Nach einem ersten Schlaganfall besteht ein erhöhtes Risiko für einen zweiten Schlaganfall. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, es zu senken. So wirken beispielsweise Medikamente gegen Bluthochdruck und zur Blutverdünnung. Aber auch ein Rauchstopp, mehr Bewegung und eine ausgewogene Ernährung können sich positiv auswirken.
Jedes Jahr haben in Deutschland etwa 70.000 Menschen einen erneuten Schlaganfall. Das Risiko dafür ist vor allem dann erhöht, wenn die Ursache für den ersten Schlaganfall ein verstopftes Blutgefäß war (Hirninfarkt).
Folgende Behandlungen können das Risiko senken:
- Plättchenhemmer
- Medikamente, die den Blutdruck senken
- Cholesterinsenker
- Medikamente bei Vorhofflimmern
Wer mit dem Rauchen aufhört, kann sein Schlaganfall-Risiko ebenfalls senken. Zudem ist es sinnvoll, sich ausgewogen zu ernähren und viel zu bewegen.
Bluthochdruck, Vorhofflimmern und andere Erkrankungen wie ein Diabetes mellitus oder eine Schlafapnoe erhöhen das Risiko für einen erneuten Schlaganfall. Deshalb ist es wichtig, dass diese gut behandelt werden.
Wie helfen Plättchenhemmer?
Nach einem Schlaganfall wird in der Regel empfohlen, Plättchenhemmer einzunehmen. Diese Medikamente bewirken, dass Blutplättchen sich nicht so leicht an einer Gefäßwand anlagern und aneinander haften. Dadurch können sie verhindern, dass sich erneut ein Blutgerinnsel bildet und ein Gefäß im Gehirn verstopft. Meist werden folgende Wirkstoffe eingesetzt:
- ASS: Dieser Wirkstoff, die Acetylsalicylsäure, ist in Schmerzmitteln wie Aspirin enthalten.
- Clopidogrel: Dieses Medikament hemmt ebenfalls die Blutgerinnung.
Die Ärztin oder der Arzt berät dazu, welches Medikament infrage kommt. ASS kann bei einem leichten Schlaganfall auch mit Clopidogrel kombiniert werden. Die Behandlung mit beiden Wirkstoffen beginnt unmittelbar nach dem Schlaganfall und dauert etwa 2 bis 3 Wochen. Danach reicht es in der Regel aus, ein Präparat dauerhaft einzunehmen.
Plättchenhemmer können Nebenwirkungen haben. Weil sie die Blutgerinnung verlangsamen, kann es leichter zu Blutungen kommen. Die meisten Blutungen sind leicht und harmlos, unangenehme Folgen wie Magenblutungen sind selten. Eine andere mögliche Nebenwirkung sind Magengeschwüre. Bei manchen Menschen kann deshalb zusätzlich ein Medikament zum Magenschutz sinnvoll sein (sogenannte Protonenpumpenhemmer).
Was bringt die Senkung des Bluthochdrucks?
Ein erhöhter Blutdruck steigert das Schlaganfall-Risiko. Ihn durch Medikamente zu senken, verringert das Risiko für einen erneuten Schlaganfall. Der Blutdruck sollte im Tagesdurchschnitt etwa zwischen 120/70 mmHg und 140/90 mmHg liegen.
In Studien zeigte sich, dass in den ersten Jahren nach einem Schlaganfall
- ohne Blutdruckmedikamente bei 10 von 100 Menschen erneut ein Schlaganfall auftrat, und
- mit Blutdruckmedikamenten bei 8 von 100 Menschen.
Blutdruckmedikamente haben weitere Vorteile: So senken sie auch das Risiko für einen Herzinfarkt oder Nierenerkrankungen.
Wie wird ein erhöhter Cholesterinspiegel behandelt?
Zur Senkung des Cholesterinspiegels werden meist Medikamente aus der Gruppe der Statine eingenommen. Sie schützen und stabilisieren die Gefäßwände und können dadurch der Bildung von Blutgerinnseln vorbeugen. Den meisten Menschen werden nach einem Schlaganfall Statine empfohlen. Statine senken zudem das Risiko für einen Herzinfarkt.
In Deutschland sind mehrere Wirkstoffe zugelassen. Wer ein bestimmtes Statin nicht verträgt, hat also die Möglichkeit, auf ein anderes umzusteigen. Die meisten Menschen vertragen diese Medikamente jedoch gut. Eine mögliche Nebenwirkung sind schmerzende oder müde Muskeln. Dazu kommt es aber sehr selten.
Es gibt weitere Medikamente, die den Cholesterinspiegel senken. Sie können zusätzlich zu Statinen eingenommen werden, wenn diese nicht ausreichend wirken.
Was wirkt bei Vorhofflimmern?
Vorhofflimmern ist die häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung und normalerweise nicht unmittelbar lebensbedrohlich. Langfristig erhöht es aber das Risiko für Schlaganfälle. Medikamente aus der Gruppe der oralen Antikoagulanzien können dieses Risiko deutlich senken.
Es werden zwei Arten dieser Medikamente unterschieden:
- direkte orale Antikoagulanzien (DOAKs), auch neue orale Antikoagulanzien (NOAKs) genannt.
- Vitamin-K-Antagonisten, auch Cumarine genannt. Hierzu gehören die Wirkstoffe Phenprocoumon (bekannt unter dem Handelsnamen „Marcumar“) und Warfarin.
Antikoagulanzien werden je nach Wirkstoff 1- oder 2-mal am Tag als Tablette eingenommen.
Direkte Antikoagulanzien sind wahrscheinlich etwas wirksamer als Vitamin-K-Antagonisten. Zudem führen sie seltener zu Blutungen. Sie sind deshalb meist die erste Wahl. Für Menschen, die Vitamin-K-Antagonisten nehmen und gut eingestellt sind, gibt es aber keinen medizinischen Grund, auf ein DOAK zu wechseln.
Die häufigste Nebenwirkung von Antikoagulanzien sind kleinere Blutungen wie Nasen- oder Zahnfleischbluten. Größere Blutungen, zum Beispiel in Magen oder Darm, sind selten. Die schwerwiegendste Nebenwirkung von Antikoagulanzien ist eine Hirnblutung. Das Risiko hierfür ist aber sehr klein. Antikoagulanzien verhindern viel mehr Schlaganfälle, als sie Hirnblutungen verursachen.
Können Eingriffe weitere Schlaganfälle verhindern?
Schlaganfälle werden häufig durch Gefäßverengungen (Stenosen) ausgelöst, die durch Ablagerungen an den Wänden der Hirngefäße oder der Halsschlagader entstehen. Ablagerungen in einer Halsschlagader können operativ entfernt werden. Dieser Eingriff wird meist innerhalb der ersten zwei Wochen nach dem Schlaganfall durchgeführt. Studien zeigen, dass dadurch das Risiko für einen erneuten Schlaganfall deutlich sinken kann.
Um ein Blutgefäß dauerhaft offen zu halten, wird manchmal ein Stent eingesetzt. Das sind spezielle Gefäßstützen aus Drahtgeflecht, die verhindern sollen, dass sich ein Gefäß erneut verengt oder verschließt. Das Einsetzen eines Stents in einer verengten Halsschlagader beugt Schlaganfällen vor und kann für jüngere Betroffene eine Alternative zur Entfernung von Ablagerungen sein. Dagegen wird nur selten empfohlen, Stents in verengten Gefäßen im Schädel einzusetzen. Denn Studien zeigen, dass der Eingriff erhebliche Risiken mit sich bringt. So treten bei dem Eingriff häufiger Hirnblutungen auf, die selbst zu Schlaganfällen führen können. Eine Behandlung mit einem Hirngefäß-Stent kommt höchstens infrage, wenn sich eine deutliche Gefäßverengung nicht anders behandeln lässt – üblicherweise mit Medikamenten. Vor einem solchen Eingriff sollten Betroffene gründlich abwägen, ob der mögliche Nutzen oder Schaden überwiegt.
Wie helfen Sport und Bewegung?
Körperlich aktiv zu sein, stärkt das Herz und die Gefäße. Bewegung und Sport können sich günstig auf die Cholesterinwerte auswirken und den Blutdruck senken. Sport kann zudem eine Gewichtsabnahme unterstützen, stärkt Muskeln und Knochen, verbessert die allgemeine Fitness und das Wohlbefinden. Je nach körperlicher Verfassung und persönlichen Vorlieben bieten sich zügiges Gehen (Walking), Joggen, Radfahren oder Schwimmen an. Auch Balance- und Koordinationsübungen sowie Krafttraining eignen sich.
Es wird empfohlen,
- pro Woche an mindestens vier Tagen mäßig körperlich aktiv zu sein (insgesamt mindestens 150 Minuten) und
- zweimal wöchentlich alle großen Muskelgruppen zu trainieren (Krafttraining).
Auch wenn man durch einen Schlaganfall beeinträchtigt ist und sich nur sehr eingeschränkt bewegen kann, ist körperliche Aktivität wichtig. Es lohnt sich, möglichst wenig Zeit im Sitzen und Liegen zu verbringen, regelmäßig aufzustehen und zumindest einige kleine Schritte zu gehen. Selbst im Bett sind kleine Bewegungs- und Kräftigungsübungen möglich. Angehörige und Pflegekräfte können dabei unterstützen. Auch Physio- und Ergotherapie können helfen, Kraft und Beweglichkeit zu stärken.
Nach einem Schlaganfall gibt es die Möglichkeit, regelmäßig am Rehasport teilzunehmen. Hierfür bieten Sportvereine beispielsweise Gymnastik, Bewegungsspiele oder Schwimmen an. Die Kosten werden nach ärztlicher Verordnung von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.
Warum schadet Rauchen und wie kann man damit aufhören?
Bei Menschen, die rauchen, ist das Risiko für einen Schlaganfall erhöht. Denn Rauchen schädigt die Gefäßwände und begünstigt dadurch die Entstehung von Blutgerinnseln. Zudem hat es weitere gesundheitliche Vorteile, mit dem Rauchen aufzuhören – zum Beispiel, Lungenerkrankungen zu vermeiden. Verschiedene Angebote unterstützen dabei, mit dem Rauchen aufzuhören, wie eine telefonische Beratung oder ein Kurs zur Raucherentwöhnung. Auch eine Nikotinersatztherapie kann den Rauchstopp erleichtern.
Ist es sinnvoll, sich anders zu ernähren und Gewicht abzunehmen?
Wie sich die Ernährung und eine Gewichtsabnahme auf das Risiko eines erneuten Schlaganfalls auswirken, ist bislang wenig untersucht. Bei einem erhöhten Risiko für Gefäßerkrankungen kann es aber sinnvoll sein, eine sehr einseitige Ernährung umzustellen. Empfohlen wird eine ausgewogene Ernährung, die sich zum Beispiel an der „mediterranen Kost“ (Mittelmeerkost) orientiert. Darunter verstehen Fachleute viel Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Nüsse, Olivenöl, Vollkornprodukte, Fisch und Geflügel. Eine solche Ernährung sorgt vielen Empfehlungen zufolge für eine günstige Zusammensetzung an Nährstoffen.
Eine salzärmere Ernährung kann den Blutdruck senken, weil weniger Wasser im Körper gebunden wird. Es wird empfohlen, weniger als 6 Gramm Salz pro Tag zu sich zu nehmen. Dies kann gelingen, indem man beispielsweise nicht alle Speisen zusätzlich salzt und möglichst wenige Fertiggerichte isst, die viel Salz enthalten.
Menschen mit starkem Übergewicht (Adipositas) können von einer Gewichtsabnahme profitieren. Je ausgeprägter die Adipositas ist und je länger sie besteht, desto höher ist das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Je nach Ausgangsgewicht empfehlen Fachleute, innerhalb von 6 bis 12 Monaten zwischen 5 und 10 % des Körpergewichts abzunehmen. Zu Fragen der Ernährung und weiteren Möglichkeiten der Gewichtsabnahme können Hausärztinnen und Hausärzte beraten, aber auch Fachkräfte für Diätassistenz oder Ökotrophologie.
Nahrungsergänzungsmittel mit Omega-3-Fettsäuren, zum Beispiel Fischölkapseln, werden als „herzgesund“ beworben. In mehreren Studien wurde untersucht, ob die Einnahme solcher Mittel Schlaganfällen vorbeugt. Die Studien konnten jedoch keinen Effekt zeigen.
Schützt es, weniger Alkohol zu trinken?
Menschen mit einem erhöhten Schlaganfall-Risiko wird empfohlen, den Konsum von Alkohol zu beschränken. Denn neben anderen Erkrankungen kann Alkohol auch Schlaganfälle begünstigen. Alkohol erhöht – regelmäßig und ausgiebig getrunken – den Blutdruck. Welche Menge Alkohol „zu viel“ ist, lässt sich jedoch nicht genau sagen. Eine Orientierung geben die allgemeinen Empfehlungen der Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen zum Alkoholkonsum. Sie empfiehlt,
- dass Frauen höchstens 12 Gramm Alkohol pro Tag trinken: zum Beispiel ein kleines Bier (0,3 Liter) oder ein kleines Glas Wein (0,125 Liter).
- dass Männer höchstens 24 Gramm Alkohol pro Tag trinken: zum Beispiel zwei kleine Bier (0,6 Liter) oder ein großes Glas Wein (0,25 Liter).
- an mindestens zwei Tagen in der Woche keinen Alkohol zu trinken.
Wer sich über seinen Alkoholkonsum Gedanken macht, kann sich kostenlos und anonym an eine Beratungsstelle oder Online-Beratungsangebote wenden.
Quellen
Abdelhamid AS, Brown TJ, Brainard JS et al. Omega-3 fatty acids for the primary and secondary prevention of cardiovascular disease. Cochrane Database Syst Rev 2018; (7): CD003177.
Bonati LH, Kakkos S, Berkefeld J et al. European Stroke Organisation guideline on endarterectomy and stenting for carotid artery stenosis. Eur Stroke J 2021; 6(2): I.
Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). Schlaganfall (S3-Leitlinie). AWMF-Registernr.: 053-011. 2020.
Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN), Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (DSG). Sekundärprophylaxe ischämischer Schlaganfall und transitorische ischämische Attacke – Teil 1: Plättchenhemmer, Vorhofflimmern, Hypercholesterinämie und Hypertonie (S2k-Leitlinie). AWMF-Registernr.: 030-133. 2022.
Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN), Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (DSG). Sekundärprophylaxe ischämischer Schlaganfall und transitorische ischämische Attacke – Teil 2: Lebensstil, arterielle Stenosen, andere Antithrombotika-Indikationen, Hormone, Diabetes mellitus, Schlafapnoe (S2k-Leitlinie). AWMF-Registernr.: 030-143. 2022.
Heuschmann PU, Busse O, Wagner M et al. Schlaganfallhäufigkeit und Versorgung von Schlaganfallpatienten in Deutschland. Akt Neurol 2010; 37: 333-340.
Hooper L, Al-Khudairy L, Abdelhamid AS et al. Omega-6 fats for the primary and secondary prevention of cardiovascular disease. Cochrane Database Syst Rev 2018; (7): CD011094.
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Stents zur Behandlung intrakranieller arterieller Stenosen: Rapid Report; Auftrag N14-01. 2014.
Koskinas KC, Siontis GCM, Piccolo R et al. Effect of statins and non-statin LDL-lowering medications on cardiovascular outcomes in secondary prevention: a meta-analysis of randomized trials. Eur Heart J 2018; 39(14): 1172-1180.
Naqvi IA, Kamal AK, Rehman H. Multiple versus fewer antiplatelet agents for preventing early recurrence after ischaemic stroke or transient ischaemic attack. Cochrane Database Syst Rev 2020; (8): CD009716.
Paciaroni M, Ince B, Hu B et al. Benefits and Risks of Clopidogrel vs. Aspirin Monotherapy after Recent Ischemic Stroke: A Systematic Review and Meta-Analysis. Cardiovasc Ther 2019: 1607181.
Tramacere I, Boncoraglio GB, Banzi R et al. Comparison of statins for secondary prevention in patients with ischemic stroke or transient ischemic attack: a systematic review and network meta-analysis. BMC Med 2019; 17(1): 67.
Wang T, Luo J, Wang X et al. Endovascular therapy versus medical treatment for symptomatic intracranial artery stenosis. Cochrane Database Syst Rev 2020; (8): CD013267.
Zonneveld TP, Richard E, Vergouwen MD et al. Blood pressure-lowering treatment for preventing recurrent stroke, major vascular events, and dementia in patients with a history of stroke or transient ischaemic attack. Cochrane Database Syst Rev 2018; (7): CD007858.